Gestalt & Bewusstheit

Bewusstheit schafft neue Räume

Die ursprüngliche Bezeichnung der neuen Therapieform, die von Fritz Perls und seinen Kollegen ins Leben gerufen wurde, ist "Konzentrationstherapie". Perls' therapeutische Begleitung besteht vor allem darin, die Patienten aufzufordern, sich auf das Geschehen im jeweiligen Moment zu konzentrieren. In der Erweiterung der "awareness" (Bewusstheit) für das gegenwärtige Erleben erkennt er den notwendigen Impuls dafür, dass der Prozess der Selbstorganisation (Selbstheilung) des Organismus in Gang kommt. Aus dem "Darüber-reden" wechselt er zum Erleben des Hier und Jetzt. Wenn beispielsweise der Patient über seine Beziehung zu seinem Vater reden will, regt er ihn an, zu seinem Vater zu sprechen und ihm all das zu sagen, was bisher noch ungesagt ist. Oder wenn jemand über seine Angst spricht, fordert er ihn auf, in die Rolle der Angst zu schlüpfen und als Angst zu sprechen. 

Der Begriff "Gestalttherapie", der später von Perls favorisiert wird und sich dann auch als Bezeichnung der neuen Therapie durchsetzt, entlehnt sich der wissenschaftlich ausgerichteten Gestaltpsychologie.

 

Gestalt - eine sinnvolle Ganzheit

Die Gestaltpsychologen hatten gezeigt, dass die Wahrnehmung keine passive 1:1-Darstellung der Welt ist, sondern ein kreativer Vorgang, an dem das Bewusstsein aktiv beteiligt ist. Die Informationsverarbeitung läuft als komplexer Prozess nach bestimmten Prinzipien ab, bei dem aus der Fülle der Informationen ein stimmiges Bild von der Realität konstruiert wird. Es bildet sich für das individuelle Bewusstsein jeweils eine „sinnvolle Ganzheit“ heraus, die als „Gestalt“ bezeichnet wird.

Wie wir die Welt betrachten und was uns als wirklich erscheint, wird durch kollektive Paradigmen und individuelle Erfahrungen bestimmt. Durch die Veränderung übernommener Glaubenssätze wandelt sich die Sicht der Wirklichkeit. Wie dramatisch das sein, kann zeigt z.B. die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern rund ist. Alle Phänomene werden nach dieser umwälzenden Einsicht in einem neuen Licht gesehen und die Weltanschauung strukturiert sich neu.